Thursday, 30 January 2014

Verlasse uns nicht, Großbritannien!


Ich habe für die Website von EuropaBeratung Berlin, wo ich zurzeit mein Praktikum mache, den folgenden Artikel geschrieben und dachte mir, es wäre schön ihn auch hier zu veröffentlichen! Wenn das Deutsch im Artikel besonders gut scheint, ist das, weil eines meiner Kollegen ihn etwas korrigiert hat. Es hat mir spaß gemacht einen Artikel zu schreiben über ein Thema worüber ich nicht normalerweise viele Chancen habe zu schreiben. Ich habe dabei auch viel gelernt! Also, hier ist es:

Verlasse uns nicht, Großbritannien!

Vor einem Jahr kündigte der britische Premier Minister David Cameron an: Sollte die Konservative Partei in 2015 wieder gewählt werden, dann wird sie eine Volksabstimmung veranstalten, um zu entscheiden, ob Großbritannien in der EU bleiben soll. Laut Umfragen möchte eine Mehrheit der Bürger/innen, dass Großbritannien die EU verlässt.

Seitdem ich für ein Jahr aus England nach Berlin gekommen bin, wurde ich von mehreren Menschen gefragt, was ich (als Engländerin) davon halte. Aber als „Engländerin“ kann ich diese Frage nicht beantworten. Ich studiere in Oxford, bin in Amerika geboren und in England mit deutscher Nationalität aufgewachsen. In England würde man mich fragen, was ich als Deutsche denke.

Diese Situation hat Nachteile: Ich habe kein klares Gefühl von einer nationalen Identität. Ich denke jedoch, dass die Vorteile überwiegen: Ich bin zweisprachig aufgewachsen und mit verschiedenen Kulturen vertraut. Ich kann nationale Angelegenheiten aus einer Außenperspektive betrachten. Deswegen habe ich mir die Frage gestellt: Wo liegen die Gründe für die Europa-Skepsis der Briten?

Der erste Grund ist meiner Meinung nach: das mangelnde Interesse der Briten, Fremdsprachen zu lernen. Viele Schüler/innen in England finden es überflüssig und unnötig, Fremdsprachen zu lernen. Wozu auch - schließlich ist Englisch eine weltweit verbreitete Sprache. Vor allem in der heutigen Zeit, wo es immer schwieriger wird, einen Job zu finden, legen Schüler/innen mehr Wert auf naturwissenschaftliche Fächer (paradoxerweise sind in Großbritannien Arbeitnehmer/innen, die eine Fremdsprache beherrschen, bei Arbeitgeber/innen sehr begehrt).

Noch seltener sind Studierende, die Fremdsprachen an der Universität studieren. In 2012 haben nur 4.050 Studenten angefangen, europäische Sprachen in Großbritannien zu studieren, 14% weniger als im Jahr davor.

Laut einer Umfrage sind 75% der britischen Bevölkerung nicht in der Lage, in einer der 10 wichtigsten Sprachen der Welt (wie z. B. Deutsch, Französisch und Spanisch) ein Gespräch zu führen. Experten befürchten, dass dieser „erschreckender Mangel“ eine negative Auswirkung auf Großbritanniens Fähigkeit haben wird, auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben zu können.

Ein Austritt aus der EU würde diese Lage nur noch schlimmer machen. Wenn man in Großbritannien eine Fremdsprache studiert, ist man verpflichtet, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Ohne EU-Mitgliedschaft könnte man keine ERASMUS-Finanzierung beantragen. Hinzu kommt, dass Studiengebühren für Nicht-EU-Studierende viel höher sind. Diese Perspektive würde für junge Briten, die es in Erwägung ziehen, eine Fremdsprache zu studieren, zusätzlich abschrecken.

Der zweite Grund: Viele Briten betrachten sich nicht als Europäer. Ein Beispiel dafür ist der Satz: „In den Ferien fahre ich nach Europa“. Also liegt ihrer Meinung nach Großbritannien außerhalb von Europa. Die Briten betrachten sich am liebsten als unabhängig und eigenständig. Sie haben einen starken Nationalstolz. Dies zeigt sich beispielsweise an Feiern wie den Olympischen Spielen oder der königlichen Hochzeit: Straßen werden mit britischen Fahnen dekoriert. Alle sind stolz, Brite zu sein.

Ich glaube, dass dieser Stolz geschichtliche Gründe hat. Während der Zeiten des britischen Empires war Großbritannien eine Weltmacht. Das Gefühl, dass Großbritannien der Mittelpunkt der Welt ist, ist immer noch verbreitet. Auch ich habe dieses Gefühl, wahrscheinlich weil ich in England zur Schule ging. Eine Auseinandersetzung mit den tragischen Konsequenzen der britischen Kolonialgeschichte findet nicht statt. Der Geschichtsunterricht konzentriert sich sehr auf die beiden Weltkriege (in denen die Briten die Sieger waren).

Dies zeigt sich auch in dem Vokabular, dass bei der Debatte über Großbritanniens Position in der EU entstanden ist: „Brexit“ und „Brixit“ sind Schlagwörter für Großbritanniens Austritt aus der EU. Sie werden mit einem gewissen Nationalstolz verbunden. Im Gegensatz dazu, werden die, die für eine EU-Mitgliedschaft sind, abwertend „Europhiles“ genannt.

Drittens: Angst vor Einwanderung. In Großbritannien sind Einwanderer schon lange die Sündenböcke der konservativen Politiker und Boulevardzeitungen. Populistische Medien prophezeiten effekthascherisch, dass Januar 2014 Menschenströme aus Rumänien und Bulgarien nach Großbritannien einwandern würden. Diese Migranten würden den Briten die Jobs wegnehmen, auf den Straßen betteln und überwiegend von Sozialhilfe leben. Nun haben wir 2014, und die erwartete „Katastrophe“ ist nicht eingetreten. Ungefähr 150.000 Rumänen und Bulgaren arbeiten bereits in Großbritannien, nur wenige sind in diesem Januar dazu gekommen. Die Behauptung, dass Migranten öffentliche Gelder ausnutzen, ist lächerlich. Nur 6,6 % der im Ausland geborenen Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter bekommen Sozialhilfe, im Vergleich zu 16,6 % derjenigen, die in Großbritannien geboren sind. Trotzdem gibt es Angst vor Migration, und für die Briten ist die EU die Ursache.

Meiner Meinung nach sind dies die Hauptgründe für die Anti-EU-Stimmung, die es in Großbritannien gibt. Ich kann verstehen, dass die Briten selbständig sein möchten und unabhängig von den vielen Regeln und Einschränkungen, die die EU ihnen auflegt. Aber mir scheint es auch, dass in dieser Debatte Großbritannien eine fast kindische Eigensinnigkeit an den Tag legt. Die Regierungen der USA, Deutschland, Japan und Australien haben den Wunsch ausgedrückt, dass Großbritannien in der EU bleibt. In einer Umfrage unter mehr als 4000 Unternehmen in Großbritannien befürchteten 60 %, dass ein Austritt aus der EU für sie wirtschaftlich nachteilig sein könnte. Nicht einmal die  großen Parteien Großbritanniens wollen eigentlich dieses Referendum: Die Labour-Partei und die Liberal-Demokratische Partei sind beide gegen eine Volkswahl. Sogar der konservative Premierminister, David Cameron ist gegen einen Austritt aus der EU.

Das versprochene Referendum scheint nur dazu zu dienen, die Bürger/innen dazu zu bringen, 2015 die konservative Partei zu wählen.

Liebes Großbritannien, wenn das Referendum tatsächlich stattfindet, habe ich nur eins zu sagen: Keep calm and don’t leave the EU!

Monday, 7 October 2013

Musik

Ich bin noch nicht mal drei Wochen hier in Berlin, habe aber das Gefühl schon immer hier gewesen zu sein. Mein Job bei EuropaBeratung Berlin macht mir Spaß, meine Wohnung in Mitte ist einfach perfekt und ich fühle mich wie zuhause. Das einzige was ich mir wünschen könnte, ist dass ich gerne mehr Leute kennen würde, vor allem Berliner- es ist nicht besonders einfach Leute kennen zu lernen in einer fremden Stadt. Wenn man an der Uni ist, dann sind alle in der selben Position und es ist natürlich und auch einfach Freundschaften zu schließen. Bisher habe ich mich ausschließlich mit Bekannte aus Oxford getroffen und mit meiner alten Freundin Rebecca, die auch alle in Berlin wohnen.

Worüber ich eigentlich schreiben wollte, ist die Musik, die ich bisher hier gehört habe. Ich habe schon mehrere Straßenmusiker gehört, die ich richtig toll fand. Unter der S-Bahn Brücke bei Alexanderplatz habe ich diesen Sänger mit seiner E-Gitarre gehört (links)- seine Stimme erinnerte mich an den Hauptsänger von Radiohead, Thom Yorke, und noch besser war, wie er die Gitarre spielte- einfach elektrisch! Leider hörte er auf zu spielen ziemlich bald nachdem ich angefangen hatte ihm zuzuhören, aber vielleicht werde ich ihn ja irgendwann mal wieder sehen!

Letzten Sonntag bin ich morgens spazieren gegangen- es war ideal! Die Sonne schien und es waren viele Leute unterwegs. Unter der S-Bahn Brücke bei Hackescher  Markt spielte ein Trompeter ganz entspannt vor sich hin und ich habe mich ein bisschen hingesetzt, um ihm zuzuhören. Von da aus konnte ich auch die Museumsinsel sehen und auch die Spree- auf dem Wasser glitzerte die Sonne und ich hätte Stundenlang da sitzen können. Es kamen auch andere an dem Trompeter vorbei, eine Frau hat ihm wohl erzählt, dass es ihr Geburtstag war, also hat er angefangen die "Happy Birthday" Melodie zu spielen- die Frau hat sich sehr gefreut!

Am Mittwoch war ich mit ein paar Freunden im A-Trane. Der Jazzclub ist einer der berühmtesten in Europa, und wurde mit dem Live Entertainment Award in 2011 als "bester Jazzclub Deutschlands" ausgezeichnet. Es war ziemlich teuer, aber es hat sich gelohnt- die Musik und die Atmosphäre waren super! Ich war mir nicht sicher, wie die Musik sein würde- ich liebe Jazz, aber das Konzert zu dem wir gegangen sind, hörte sich ziemlich abstrakt an! Dieter Ilg, der Kontrabassist, hat eine Adaption von Wagners Oper "Parsifal" geschrieben und hat sie mit seinem Trio im A-Trane vorgeführt. Rainer Böhm hat Klavier gespielt und Patrice Heral war auf dem Schlagzeug. Das Konzept hört sich zwar sehr komisch an, war aber sehr gut gelungen! Öfters konnte man Wagners Influenz kaum merken- viele stellen waren wie traditioneller Jazz, was mir gefällt. Aber die besten Stellen waren als die Musik leiser wurde, vor allem wenn es ein Klaviersolo gab- leider kenne ich mich mit Wagner nicht so gut aus, und kenne auch seine "Parsifal" Oper nicht, aber ich kann es mir vorstellen, dass die eindringliche und bewegende Melodien in den leiseren Stellen, direkt von der Oper genommen wurden. Ich habe mir die CD von Dieter Ilg gekauft, also vielleicht werde ich diese Melodien mit der originalen Oper vergleichen können. Da ich auch Wolfram von Eschenbachs "Parzival" studiere, glaube ich, dass die Jazz CD mich inspirieren wird, mich mehr mit dem mittelhochdeutschen Text auseinanderzusetzen. Als ich im Konzert war, glaubte ich auch mehrere Elemente von der Geschichte in der Musik zu hören- diese leisen, fast gequälte Stellen, die mir besonders gut gefielen, haben mich an Parzivals Identitätskrise und Gefühle der Nichtzugehörigkeit erinnert. Vielleicht waren dann die großen, jazzigen Stellen über die Kampfszenen? Jedenfalls fand ich die Musik inspiriert und anregend. Auch die Beziehung zwischen den Musikern als sie spielten war toll- manchmal war es fast so, als ob sie miteinander tanzten während sie spielten. Sie waren Teil eines Ganzen, statt individuelle Musiker. Sie reagierten immer auf einander, als ob die Musik ein Gespräch zwischen ihnen war- so sollte Jazzmusik sein!

Diese Erfahrungen haben mich zu dem Entschluss geführt, mich an der Jazzschule Berlin anzumelden. Ich habe schon sehr lange Jazzmusik geliebt und habe immer den Wunsch gehabt, selber Jazz spielen zu können, trotzdem habe ich bislang fast ausschließlich klassische Musik gemacht, was mir zwar Spaß macht, mir aber nicht so sehr anspricht, wie Jazzmusik es tut. Ich möchte Jazzgesang ausprobieren und auch Saxofon unterricht bekommen- ich habe vor einem Monat ein Saxofon zum Geburtstag bekommen und freue mich schon sehr darauf, darauf spielen zu können! Es ist dem Fagott und der Blockflöte auf einiger Weisen ziemlich ähnlich, also sollte es am Anfang jedenfalls nicht zu schwierig sein! Was aber schwierig sein wird, ist die Improvisation, was natürlich eine sehr wichtige Fähigkeit ist, um gut Jazz spielen zu können- darin werde ich hoffentlich auch Unterricht bekommen. Ich bin mir nicht sicher, wie gut ich sein werde, aber jedenfalls möchte ich es unbedingt ausprobieren! So werde ich auch endlich mehr Deutsche kennen lernen, hoffe ich jedenfalls. Nächste Woche gehe ich zu einer Beratung bei der Jazzschule, und danach kann ich hoffentlich so bald wie möglich anfangen- ich freue mich schon sehr darauf :-)